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Feitelgeschichten

Als ich eines Tages ??

von einem Reporter gefragt wurde, was ich gerne sein möchte, antwortete ich

 

Ein Taschenfeitel

Ich könnte auf eine über 500 Jahre lange Tradition meines Familienstammes zurückgreifen und werde heute noch mit viel Liebe und Handarbeit hergestellt und mit viel Schneid´ ins Leben entlassen.

 Als Erstes stehe ich den jungen Burschen und Mädchen als Schritt zum Erwachsen werden bei. Sie sehen in mir einen wertvollen Gebrauchsgegenstand, der nichts mit einer Spielsache zu tun hat, verwenden mich zum Bauen von so manchen Weidenpfeiflein und ich erfahre mit Ihnen, oft geführt durch geschickte Kinderhand, die erste Kunst des Schnitzens. 

Dann bin ich dazu da, deren verliebte Herzen und ihre Namen in Baumrinden zur ewigen Erinnerung an schöne Stunden, zu schneiden.

Als ihr ständiger Begleiter bin ich am Frühstückstisch schon bei ihnen, schneide den frischen knusprigen Laib Brot an, oder die goldene Semmel entzwei, streiche die Butter darauf und  schneide den Käse, das Obst oder Gemüse dazu und zum Schluss verteile ich auch oft noch den Honig oder die Marmelade.

Wenn ich, wie bei  vielen  Besitzern, auch am Mittagstisch mitmachen kann, habe ich oft schon von neidischen Tischnachbarn gehört, dass ich halt noch ein g´scheites  schneidiges Messer  bin, im Vergleich zu den heutigen Ramsch aus China oder sonst woher.

Am besten  geht es mir aber bei der Jause. Da darf ich mit meiner scharfen  Schneide die besten Specksorten, Schweinebraten, die guten geräucherten Würste, die feinsten Käsesorten und sonst noch viel Köstliches für meine Besitzer zubereiten- da geht’s mir wirklich gut und manche meiner Besitzer behaupten sogar, dass alles noch viel besser schmeckt, wenn ich dabei bin.

Für das tägliche Leben vieler meiner  Freunde bin ich auch sehr wertvoll, da ich sehr neugierig bin. Ich kann sämtliche Briefe und Packerl im Nu öffnen und die heutigen zähen Verpackungsfolien auch sehr schnell zerschneiden. Sehr viele Berufsgruppen haben mich als ständigen Begleiter in ihrer Werkzeugtasche. So bin ich bei den Elektrikern, Tapezierern, Installateuren und noch bei vielen anderen ein ständiger Begleiter im Berufsleben. Manchmal werde ich sogar zu Sonderaufgaben verwendet. Da muss ich Schrauben aufdrehen oder sogar Bierflaschen öffnen.

Mit sehr viel Freude begleite ich aber meine Besitzer  zu ihrem Hobby. Ich gehe mit ihnen wandern und helfe dabei die Wanderstöcke abzuschneiden und zu verzieren, im Wald schneide ich die saftigsten Herren- und Parasolpilze in ihre Körbe, putze mit ihnen die gefangenen Forellen und darf  auch manchmal ein erlegtes Reh aufbrechen, da mein Besitzer  mich, den handlichen Taschenfeitel, dem sperrigen Knicker vorzieht. Das Tollste aber ist: Dass man mit mir, bei einiger Geschicklichkeit, auch zaubern kann!

Sollte ich einmal, durch meine vielen Tätigkeiten etwas stumpfer werden, so kann mich mein Besitzer selber wieder scharf machen, oder er bringt mich nach Trattenbach, meiner Geburtsstätte, wo ich wieder scharf gemacht werde. Man fühlt sich wieder richtig topfit nach so einer Behandlung.

Letztendlich möchte ich noch stolz erwähnen, dass in sehr vielen Orten von Österreich und Deutschland wegen mir, eigene Clubs gegründet wurden, deren Mitglieder sich öfter treffen und sogar Strafe zahlen müssen, wenn sie nicht auf mich aufpassen.

Der berühmte Heimatdichter Peter Rosegger hat  mir eine ganz liebe Geschichte gewidmet und Andre Heller sieht in mir im Liedtext ganz Wien verkörpert:

 „Wean, du bist a Taschenfeitel, unter an Himmel voller Schädelweh, a zehnmal kochtes Burenheutel, auf das i net haas bin und trotzdem steh“.

Die größte Freude bereitet mir aber, dass man mir:

„Dem Taschenfeitel“

in meinem Heimatort Trattenbach ein  übergroßes Denkmal mit der Eintragung ins Guiness Buch 1985 gesetzt hat, ein ganzes Museumsdorf mit all meinen alten Bekannten und Vorfahren widmet und dass ich sogar als UNESCO Weltkulturerbe zur Unvergesslichkeit gelangen werde.

 

 

Verfasser:

Roman Blasl

Kustode

 

 

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